F-Gase & Recht

Kältemittel-Alternativen: R32, R290, CO₂ & Co. – den Umstieg richtig planen

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Oliver TakensGründer KlimaCraft · 12. Juli 2026 · Lesezeit ca. 9 Minuten
Illustration: alternative Kältemittel R32, R290, CO2 mit GWP-Werten und Sicherheitsklassen

Kurz zusammengefasst: Kältemittel-Alternativen sind das direkte Ergebnis von Verboten und Phase-down: Weil Kältemittel mit hohem GWP schrittweise aus dem Markt gedrängt werden, steigen Betriebe auf Stoffe mit niedrigem Treibhauspotenzial um. Dabei stehen zwei Gruppen zur Wahl – die natürlichen Kältemittel Propan (R-290), CO₂ (R-744) und Ammoniak (R-717) sowie die Low-GWP-Synthetischen wie R-32, R-454B und die HFO. Welches wofür passt, entscheidet sich an Anwendung, Füllmenge und Sicherheitskonzept.

Warum umsteigen? Verbote und Phase-down

Der Antrieb hinter jeder Kältemittel-Alternative ist der Phase-down der EU: Die Menge an teilfluorierten Kohlenwasserstoffen (HFKW), die pro Jahr in Verkehr gebracht werden darf, wird in CO₂-Äquivalenten gedeckelt und Jahr für Jahr abgesenkt. Kältemittel mit hohem GWP belasten diese Quote stärker, werden also knapper und teurer – bis einzelne Stichtage sie ganz aus dem Neugeschäft und dem Service drängen.

Die groben Leitplanken: Seit 2025 darf beim Service an stationären Kälteanlagen kein frisches Kältemittel mit GWP ≥ 2500 mehr eingesetzt werden – das trifft R-404A und R-507A. Ab 2032 sinkt diese Service-Grenze für Kälteanlagen auf GWP ≥ 750, womit dann auch R-410A, R-134a und R-407C betroffen sind. Parallel fallen ganze Neugeräte-Klassen weg. Den kompletten Fristenkalender haben wir im Überblick zu den Kältemittelverboten 2025–2032 aufbereitet; hier geht es um die Frage, worauf du stattdessen setzt.

Die wichtigsten Alternativen im Steckbrief

Die folgende Übersicht fasst die gängigen Alternativen zusammen. Die GWP-Werte orientieren sich am BFS-Merkblatt bzw. den etablierten AR4-Werten, die Sicherheitsklassen an ISO 817 / EN 378:

AlternativeGWPSicherheitsklasseTypischer Einsatz
R-32675A2L (schwer entflammbar)Split/Multisplit, Wärmepumpen
R-290 (Propan)3A3 (brennbar)Wärmepumpen, Monoblocks, Steckerkälte
R-744 (CO₂)1A1Gewerbekälte/Supermärkte, Wärmepumpen
R-717 (Ammoniak)0B2L (giftig/schwer brennbar)Industriekälte
R-454B~466 (Herstellerangabe)A2LNeue Wärmepumpen/Klimaanlagen
R-1234yf4A2LChiller, Sonderanwendungen
R-1234ze7A2LChiller, Sonderanwendungen

GWP-Werte gerundet nach etablierten AR4-Angaben bzw. BFS-Merkblatt; Sicherheitsklassen nach ISO 817 / EN 378. Maßgeblich sind im Einzelfall die Herstellerdatenblätter.

R-32 – der Standard-Ersatz für R-410A

R-32 (Difluormethan) ist ein einzelner HFKW mit einem GWP von 675 und der Sicherheitsklasse A2L (schwer entflammbar). Er hat sich als Standard-Ersatz für R-410A in Split- und Multisplitgeräten sowie in Wärmepumpen etabliert. Der Vorteil liegt im deutlich niedrigeren GWP bei bekannter Anlagentechnik und guter Effizienz. Der Haken: R-32 ist kein Naturstoff, sondern ein fluoriertes Kältemittel – es bleibt damit grundsätzlich dem Phase-down unterworfen und ist perspektivisch vom PFAS-Verfahren im Blick zu behalten. Für viele Split-Anwendungen ist R-32 heute die pragmatische Wahl mit dem geringsten Umstellungsaufwand.

R-290 (Propan) – sehr niedriger GWP, aber brennbar

Propan (R-290) ist ein natürliches Kältemittel mit einem GWP von lediglich 3 und exzellenten thermodynamischen Eigenschaften. Es kommt in Wärmepumpen, Monoblock-Geräten und steckerfertiger Kälte („Steckerkälte“) zum Einsatz. Der Preis für den niedrigen GWP ist die Sicherheitsklasse A3: Propan ist brennbar. In der Praxis bedeutet das Füllmengengrenzen je nach Aufstellung, Zündquellenfreiheit und Explosionsschutz nach EN 378. Bei Monoblock-Bauweise, bei der der Kältekreis werkseitig geschlossen und außen aufgestellt ist, lässt sich das gut beherrschen – bei Split-Anwendungen wird es anspruchsvoller.

R-744 (CO₂) – hohe Drücke, sehr niedriger GWP

CO₂ (R-744) ist mit einem GWP von 1 die Referenz und dazu weder brennbar noch giftig (A1). Es hat sich in der Gewerbe- und Supermarktkälte durchgesetzt und wird auch in Wärmepumpen eingesetzt, besonders dort, wo hohe Vorlauftemperaturen gefragt sind. Die Herausforderung sind die hohen Drücke: CO₂-Anlagen arbeiten oft transkritisch und brauchen entsprechend druckfeste, spezielle Komponenten – Verdichter, Wärmeübertrager und Armaturen sind nicht mit denen klassischer HFKW-Anlagen vergleichbar. Der Planungs- und Investitionsaufwand ist höher, dafür ist die regulatorische Zukunftssicherheit maximal.

R-717 (Ammoniak) – sehr effizient, aber toxisch

Ammoniak (R-717) ist der Klassiker der Industriekälte: GWP 0, hervorragende Effizienz, seit Jahrzehnten bewährt. Die Sicherheitsklasse B2L weist auf das eigentliche Thema hin – Ammoniak ist giftig und nur schwer entflammbar. Der Einsatz ist deshalb an strenge Anforderungen an Maschinenraum, Gaswarnung und Belüftung gebunden und in der Regel qualifiziertem Fachpersonal in größeren Industrieanlagen vorbehalten. Für die klassische Gewerbe- oder Split-Anwendung ist Ammoniak selten die Antwort, in der Industriekälte dagegen oft die effizienteste.

R-454B – der R-410A-Nachfolger in neuen Geräten

R-454B ist ein Blend (Gemisch aus R-32 und R-1234yf) mit der Sicherheitsklasse A2L und einem GWP von 466 (IPCC AR4, 100 Jahre – maßgeblich für die F-Gase-VO; AR5-Wert lt. Hersteller 467). Er wird von vielen Herstellern als Nachfolger von R-410A in neuen Wärmepumpen und Klimaanlagen eingesetzt und liegt im GWP nochmals unter R-32. Da es sich um ein Gemisch handelt, sind bei Leckagen und Nachfüllung die üblichen Besonderheiten von Blends zu beachten. Für Neuanlagen ist R-454B eine gängige Wahl, wenn ein synthetisches A2L-Kältemittel mit möglichst niedrigem GWP gefragt ist.

R-1234yf / R-1234ze – HFO für Chiller und Sonderfälle

Die Hydrofluorolefine (HFO) R-1234yf (GWP 4) und R-1234ze (GWP 7) sind ebenfalls A2L und werden vor allem in Chillern und Sonderanwendungen eingesetzt. Ihr GWP ist sehr niedrig, technisch sind sie gut beherrschbar. Der offene Punkt: HFO fallen unter die fluorierten Stoffe und sind damit potenziell vom laufenden PFAS-Beschränkungsverfahren der ECHA betroffen. Wer heute auf HFO setzt, sollte dieses Verfahren im Blick behalten.

Praxis-Tipp: In KlimaCraft ist je Anlage das Kältemittel plus Füllmenge hinterlegt – beim Umstieg siehst du sofort, welche Anlagen mit auslaufenden Kältemitteln betroffen sind und für welche sich eine bestimmte Alternative anbietet.

Sicherheit: Brennbarkeit & EN 378 beachten

Die Sicherheitsklassen nach ISO 817 kombinieren Toxizität (A = gering, B = höher) und Brennbarkeit (1 = nicht brennbar, 2L = schwer entflammbar, 2 = brennbar, 3 = leicht brennbar). Für die Alternativen heißt das konkret:

  • A1 – nicht brennbar, gering giftig: CO₂ (R-744). Sicherheitstechnisch am unkritischsten, dafür Hochdruckthema.
  • A2L – schwer entflammbar, gering giftig: R-32, R-454B, R-1234yf, R-1234ze. Zündquellen und Füllmengen sind zu beachten, das Risiko ist aber deutlich geringer als bei A3.
  • A3 – leicht brennbar, gering giftig: Propan (R-290). Verlangt Explosionsschutz und strenge Füllmengengrenzen.
  • B2L – schwer entflammbar, höher giftig: Ammoniak (R-717). Toxizität steht im Vordergrund, Maschinenraum-Anforderungen gelten.

EN 378 regelt für alle diese Stoffe die zulässigen Füllmengen in Abhängigkeit von Aufstellungsort und Raumgröße, die Anforderungen an die Aufstellung sowie an Sicherheitseinrichtungen wie Gaswarnung und Belüftung. Und ganz ehrlich: Brennbare und natürliche Kältemittel sind kein reines Draufsetzen des bekannten Handwerks. Die F-Gase-Sachkunde deckt sie nicht automatisch mit ab – für Propan, CO₂ und Ammoniak ist zusätzliche Sachkunde nötig, die das Team gezielt aufbauen sollte, bevor die erste Anlage kommt.

Retrofit oder Neuanlage?

Die naheliegende Frage bei jeder Bestandsanlage: umrüsten oder ersetzen? Einen echten „Drop-in“, bei dem man einfach das Kältemittel tauscht und sonst nichts anfasst, gibt es bei den Low-GWP-Alternativen kaum. Die neuen Kältemittel haben andere Druck- und Temperaturlagen, teils andere Öle und stellen andere Anforderungen an Dichtungen und Sicherheitstechnik. Ein Retrofit ist dort sinnvoll, wo Verdichter, Ölsorte und Auslegung den Wechsel mittragen und die Anlage noch genügend Restlebensdauer hat.

Sobald aber die Sicherheitsklasse wechselt – etwa von einem A1-Kältemittel auf brennbares A3-Propan – ist ein einfacher Retrofit meist ausgeschlossen, weil die gesamte Anlage samt Aufstellung und Sicherheitskonzept neu bewertet werden müsste. Dann ist die Neuanlage der ehrlichere Weg. Entscheidend für die Beurteilung ist die Anlagen-Historie: Wie alt ist die Anlage, welches Öl läuft drin, wie ist ihr Dichtheitsverlauf, welche Komponenten wurden schon getauscht? Ohne diese Daten bleibt die Retrofit-Frage ein Ratespiel.

Entscheidungshilfe: welches Kältemittel wofür

Als grobe Orientierung – die genaue Wahl hängt immer von Leistung, Aufstellung und Kundenanforderung ab:

  • Split, Klima & Wärmepumpen: R-32 als etablierter Standard, R-454B in vielen neuen Geräten, R-290 (Propan) bei Monoblock-Wärmepumpen und wo sehr niedrige GWP-Werte gefragt sind.
  • Gewerbe- und Supermarktkälte: R-744 (CO₂) als zukunftssichere Referenz, in Verbund- und Boostersystemen längst Standard.
  • Industriekälte: R-717 (Ammoniak) für große, effiziente Anlagen mit Maschinenraum und qualifiziertem Personal.
  • Chiller & Sonderanwendungen: HFO wie R-1234ze, teils R-290 oder R-744, je nach Leistungsklasse und Aufstellung.

Die GWP-Werte der abzulösenden und der neuen Kältemittel im direkten Vergleich findest du in unserer GWP-Tabelle der gängigen Kältemittel. Und wie sich die Dokumentations- und Nachweispflichten durch die novellierte Verordnung insgesamt verschieben, steht im Überblick zur F-Gase-Verordnung 2024.

Weißt du bei jeder Anlage, welches Kältemittel drinsteckt?

In der Anlagenverwaltung von KlimaCraft dokumentierst du Kältemittel, Füllmenge und Anlagen-Historie je Anlage – die Grundlage, um Umstiege planbar statt im Krisenmodus zu machen.

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Häufige Fragen

Das hängt von der Anwendung ab. In Splitgeräten und Wärmepumpen ist R-32 (GWP 675) der etablierte Standard-Ersatz, in neuen Wärmepumpen und Klimaanlagen zunehmend auch der Blend R-454B. Wo sehr niedrige GWP-Werte und Füllmengengrenzen zusammenpassen – etwa bei Monoblock-Wärmepumpen und steckerfertigen Geräten – kommt Propan (R-290, GWP 3) zum Einsatz. Einen echten Drop-in gibt es nicht: Verdichter, Öl und Sicherheitskonzept müssen zum neuen Kältemittel passen.

Nicht alle. Propan (R-290) ist mit Sicherheitsklasse A3 leicht brennbar. CO₂ (R-744, A1) ist weder brennbar noch giftig, arbeitet aber mit sehr hohen Drücken. Ammoniak (R-717, B2L) ist giftig und nur schwer entflammbar. Jedes natürliche Kältemittel hat also ein eigenes Risikoprofil – pauschal brennbar sind sie nicht.

A2L bezeichnet nach ISO 817 bzw. EN 378 eine Sicherheitsklasse für schwer entflammbare Kältemittel mit geringer Toxizität. Das A steht für niedrige Giftigkeit, die 2L für schwer entflammbar mit langsamer Flammenausbreitung. Dazu zählen unter anderem R-32, R-454B sowie die HFO R-1234yf und R-1234ze. A2L-Kältemittel sind weniger brennbar als A3-Stoffe wie Propan, erfordern aber trotzdem Zündquellenfreiheit, Füllmengengrenzen und passende Sicherheitsmaßnahmen nach EN 378.

Die F-Gase-Sachkunde deckt fluorierte Kältemittel ab, nicht automatisch den sicheren Umgang mit brennbaren natürlichen Kältemitteln wie Propan (A3). Für Arbeiten an Propananlagen sind zusätzliche Kenntnisse zu Explosionsschutz, Füllmengengrenzen und Aufstellung nach EN 378 nötig. Viele Hersteller und Bildungsträger bieten dafür eigene Sachkunde- bzw. Zusatzschulungen an. Betriebe, die auf R-290 setzen, sollten diese Qualifikation im Team frühzeitig aufbauen.

Hinweis: Dieser Artikel gibt den Stand Juli 2026 vereinfacht wieder und ersetzt keine Fachplanung oder Rechtsberatung. GWP-Werte und Sicherheitsklassen nach BFS-Merkblatt zur novellierten F-Gase-Verordnung bzw. ISO 817 / EN 378; regulatorische Grundlage ist die Verordnung (EU) 2024/573. Weitere Hintergründe in den F-Gas-FAQ des Umweltbundesamts. Maßgeblich sind im Einzelfall die Herstellerdatenblätter.

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